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Spirituelle Praxis in sexueller Vereinigung

Khajuraho, Indien

Im Schamanismus, in antiken Kulten, im Tantrismus, aber auch im islamischen Sufismus gab und gibt es diese Form der Praxis. Sie war und ist bis heute kleinen Randgruppen vorbehalten

Vier Videos zum Thema finden Sie unten auf dieser Seite.

1968. Wir fahren mit einem VW-Käfer von Wien nach Indien. In dem kleinen Dorf Khajuraho blicken wir auf viele dicht nebeneinander stehende Tempel aus dem 13. Jahrhundert. Ich bin tief beeindruckt. Sie sind mit halbnackten Göttinnen und Göttern übersät. Einige sind in ausgefallenen sexuellen Stellungen vereinigt, im Onanieren, zu zweit, zu dritt und in ganzen Gruppen, einmal sogar mit Tieren.

Ich bin, so wie wir alle, mit einer Kirche aufgewachsen, in der Sex und Religion zwei getrennte Dinge waren. Jegliche Form von Sexualität war außerhalb der Ehe und für Priester streng verboten. Die einzige Verbindung zwischen den beiden Dingen war wohl jene, dass sich nur wenige daran gehalten haben und dass es in der Priesterschaft durch die Verbote zu schrecklichen Missbräuchen gekommen ist.

Mir fällt meine Kindheit ein. Als klitzekleiner Bub war ich fest überzeugt, die kleinen Kinder werden in der Kirche gemacht. Das junge Paar tritt vor den Altar und kommt mit einem kleinen Kind nach Hause. Als ich die Wahrheit erfuhr, war ich schrecklich enttäuscht.

Jahre später, nun selbst – gegen das Verbot der Kirche – sexuell tätig, hatte ich, wie viele junge Menschen, auch sexuelle Fantasien. Einige davon in der Kirche und am Altar. War das eine geheime – vielleicht infantile – Sehnsucht nach einer Verbindung von Sex und Religion?

Und plötzlich stehe ich hier in einem kleinen indischen Dorf und sehe meine Fantasien, die vor 700 Jahren kunstvoll in Stein gemeißelt wurden. Ich beginne zu ahnen, dass Sex und Religion doch nicht zwei getrennte Dinge sein müssen, sondern auch zusammengehören können.

Danach fuhr ich nach Hause, nahm mein Studium auf – und vergaß die Sache.

20 Jahre später begann ich, ohne es vorerst zu wissen, eine spirituelle Suche. Die Initialzündung fand – so ein Zufall – bei einem Seminar über sensitive Massage statt. Der Leiter war Ray Stubbs und er hatte auch eine Massage von Lingam und Yoni, das sind die Sanskrit-Bezeichnungen für Penis und Vagina, angeleitet. Das war für alle Teilnehmer sehr aufregend, einige haben gar nicht mitgemacht. Ich traf dort einen Arbeitskollegen aus meiner Abteilung. Ganz leicht war das alles nicht.

Sexualität außerhalb des herkömmlichen Rahmens ist für die meisten Menschen nur schwer vorstellbar. Deshalb habe ich vier Video-Beispiele ausgesucht und auf die Homepage www.ursache.at gestellt.

Vier Videos zum Thema:

1. The Sacred Prostitute
von Kenneth Ray Stubbs

Ray Stubbs kommt aus einem kleinen Dorf in Arizona, einem der hintersten Winkel in den USA. Der kleine Ray ist dort mit Schwester, Mutter und Großmutter aufgewachsen, einen Mann dazu hatten sie nicht im Haus. Mit der Hippiebewegung kam er nach San Francisco, in jene Stadt, in der mit der freien Liebe alles begann. Er studierte an einer sogenannten ‚University of Advanced Human Sexuality’ und graduierte mit einem Doktortitel. Seitdem widmet er sich dem Thema Sexualität und Spiritualität. Er hielt Seminare zur sensitiven Massage, schrieb Bücher, beschäftigte sich mit Tantra und nun mit einem ‚Sexuellen Heilen’, das aus dem Schamanismus stammt.

Im Film kommen ‚Heilige Prostituierte’, ‚sexuelle Schamanen’, ‚Priesterinnen’, Psychotherapeuten, Religionswissenschaftler und Vertreter der großen Religionen selbst zu Wort.

Eine Aussage des tibetisch-buddhistischen Mönchs ZaChoeje Rinpoche finde ich besonders interessant. Er lebt zölibatär und unterdrückt trotzdem nicht seine sexuelle Energie. Wie geht das? Sie wird lediglich visualisiert, kommt so ins Fließen, es wird aber weder der eigene Körper noch der einer Partnerin dabei berührt.

In Europa ist diese Form des ,Sexual Healings’ verboten. Vielleicht wird sich das einmal ändern? Ray Stubbs gehört sicher zu den Vorkämpfern für etwas, was auch in den USA nicht Alltag sein dürfte.

Der Film ist ausgezeichnet gemacht, sehr informativ und zeigt eindrucksvoll eine ungewöhnliche Form von Therapie. Im Original finden sich ein paar Passagen, die für europäische Augen etwas ‚amerikanisch’ wirken, in der gekürzten, hier vorliegenden Fassung sind sie kaum vorhanden.

Wäre ich ein Filmkritiker: Prädikat sehenswert.

Kenneth Ray Stubbs

Amerikanisch-westlicher Schamanismus, ‚The Sacred Prostitute’, 2001, Palo Alto, Ca, USA, www.thesacredprostitute.com
Der Film wurde im Einverständnis mit Dr. Ray Stubbs stark gekürzt und dauert im Original etwa 90 Minuten. Er ist unter www.ursache.at/sacred-prostitute zu sehen. Die Original DVD-Box besteht aus zwei Filmen: ‚The Sacred Prostitute’ und ‘Magdalena Unveiled’ und kann unter www.ursache.at oder unter +43 1 276 3051 für 19,90 € geordert werden. 

2. Die Erotik der Keuschheit
von Michael Cencig

In dieser Dokumentation des ORF, die 1997 im Rahmen der Sendung ,kreuz und quer’ ausgestrahlt wurde, geht es um Tantra im Westen. Wieder nehmen Vertreter verschiedener Religionen zum Thema ‚Sex und Religion’ Stellung. Der Wiener Oberrabbiner Chaim Eisenberg und die Lehrerin Amina Saleh-Ronnweber klären über die Bedeutung der Sexualität im Judentum und im Islam auf, die ehemaligen (Adolf Holl) und jetzigen (Arnold Mettnitzer) katholischen Priester sprechen über Sexualität im Christentum, auch zwei Tantra-Lehrer kommen zu Wort. Dieses Video ist ebenfalls nur ein Auszug aus einer Originalaufzeichnung aus dem TV.

Im Zentrum steht ein Paar, das sein ‚Morgengebet in der Missionarsstellung’ betet. Das beanstandet die Tantra-Lehrerin Elisa Asenbaum. Die Vereinigung müsse sich nicht auf diese Stellung beschränken, meint sie. Diese Doku ist stimmungsvoll gemacht, klar, deutlich und informativ.

Die Erotik der Keuschheit, Michael Cencig
Westlich-europäischer Tantrismus, ORF 1997
Info: Elisa Asenbaum info@2gas-station.net, Tel: +43 1 5335677

3. Sexualität und Buddhismus

ORF-Beitrag aus der Reihe ‚Die Lehre des Buddha’. Ich erläutere darin meine Sichtweise von Sexualität in der buddhistischen Praxis. Über eine solche hat Buddha selbst allerdings nie gesprochen. Er lebte ja mit seiner Sangha, das war die Gemeinschaft der Mönche und Nonnen, zölibatär. Sexualität wurde als Möglichkeit zu allergrößter Anhaftung komplett ausgeklammert. Erst in späteren Ausprägungen des Buddhismus, vor allem im tantrisch-tibetischen Buddhismus, aber auch im Zen, kommt Sex – zumindest in der nicht-zölibatär lebenden Sangha – wieder vor.

Mein Anliegen ist es, Bewusstheit und Achtsamkeit, Meditation und ethische Regeln nicht nur in Seminaren und in bestimmten Alltagsbereichen, sondern in allen Lebenslagen, also auch in der Sexualität und mit dem Partner zu üben.

Da der Beitrag von mir ist, kann ich ihn nicht bewerten, ich weiß lediglich, dass ich ihn heute ganz anders gestalten würde.

Sexualität und Buddhismus, ‚Die Lehre des Buddha’, Peter Riedl, ORF 2001
Der Film ist auf www.ursache.at zu sehen.

4. Tantrisch-buddhistische Praxis in sexueller Vereinigung
von S.H. Dalai Lama

2002 fand das Kalachakra Ritual in Graz statt. Es wurde von Dr. Manfred Klell aus der tibetischen Gelug-Tradition organisiert.

Der Film zeigt einen kurzen Auszug aus den Belehrungen des Dalai Lama. Er spricht über tibetische Praxis in sexueller Vereinigung. Das ist ungewöhnlich, denn diese war über Jahrhunderte völlig geheim. Im Westen wurde lange Zeit darüber gerätselt. Es waren die zahlreichen tibetischen Statuen in der sogenannten Yab-Yum-Stellung bekannt, in denen eine meist kindhaft kleine Gefährtin am Schoß ihres männlichen Begleiters sitzt. Die meisten Tibetologen deuten diese Figuren und Abbildungen als eine symbolische Darstellung der Vereinigung der Gegensätze und nicht als explizit sexuell.

Das Wesentliche an diesem Beitrag ist also die Tatsache, dass der Dalai Lama, eine der höchsten religiösen Autoritäten der Welt und auch für viele Nicht-Buddhisten ein ethisches Vorbild, öffentlich ausspricht, dass eine religiöse Praxis in sexueller Vereinigung überhaupt existiert. Dazu gehört meines Erachtens Mut und darin unterscheidet er sich wohltuend von anderen Kirchenfürsten.

Der Dalai Lama spricht tibetisch und es werden längere Passagen – so wie die vorliegende – in einem Stück gedolmetscht.

Bewertung: Interessant, vor allem für tibetische Buddhisten, durch die Übersetzung allerdings ein wenig sperrig.

Tantrischer Buddhismus, ‚Auszug aus dem Kalachakra Ritual’, 2002, Graz, Auditorium-Netzwerk.de
Der Mitschnitt des gesamten Rituals besteht aus sechs DVDs und kann bestellt werden.
Zum Filmausschnitt geht es hier.
Weitere Informationen zum Tantrischen Buddhismus können in der Gelug-Schule angefragt werden: www.gelug.at

 

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