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Leidenschaft und Erleuchtung – Partnerschaft und Sexualität im Buddhismus

© Alexandra H. / pixelio.de

Leidenschaft und Erleuchtung
Partnerschaft und Sexualität im Buddhismus

Buddhismus ist ein Weg, ein geistiger Übungsweg, um das Leiden zu überwinden und zu Erleuchtung zu gelangen. Dieser Weg muß sich im Leben, im Alltag und in der Begegnung mit den Mitmenschen bewähren. Es genügt nicht, am Meditationspolster für Augenblicke zur Ruhe zu kommen, es genügt auch nicht, sich ein buddhistisches Mäntelchen umzuhängen, sich ständig ein Lächeln aufzusetzen und bei der nächsten Begegnung mit anderen Menschen wieder in Ärger und in Wut zu geraten.

Ein Großteil der buddhistischen Übung findet im Alltag statt. Dieser wird von den täglichen Begebenheiten, von Beruf, Familie, Freunden, der Partnerschaft und der Sexualität bestimmt. Beruf und Freundschaft können noch relativ problemlos sein, doch mit Partnerschaft und Sexualität haben die meisten ihre liebe Not. Wer in einer Partnerschaft lebt, hat oft ein Problem und wer in keiner lebt, hat oft genau damit ein Problem. Und mit der Sexualität haben fast alle noch viel größere Probleme.

Die meisten Religionen begegnen dem Thema Partnerschaft und Sexualität indem sie diese regulieren und mit Geboten und Verboten belegen. Nicht so im Buddhismus, es gibt weder Gebote, noch ein ‘richtig’ und ein ‘falsch’.

Wie begegnet also der Buddhist diesem Thema. Die Antwort ist nicht eindeutig, so wie es auch ‘den’ Buddhisten nicht gibt. ‘Der Buddhist’ ist lediglich ein Mensch, der sich buddhistisch übt und diese Übung kann völlig unterschiedlich sein.

Buddha selbst hat relativ wenig über die weltliche Partnerschaft gesprochen. Zu seiner Zeit haben sich fast ausschließlich Mönche und Nonnen buddhistisch geübt. Erst heute beginnt sich das in großem Stil zu ändern. Partnerschaft, Sexualität und der rechte Umgang damit erhält so für praktizierende Buddhisten Bedeutung.

Buddhistisch gesehen ist das ein herrlicher Übungsplatz am Weg zur Erleuchtung. Der Weg ist das Ziel, warum nicht auch die Beziehung?

Was ist nun das Ziel der Übung?

Das Ziel der Übung ist, die Dinge zu erkennen, wie sie sind und sie nicht so zu sehen, wie ich sie sehen möchte. Das, was die Dinge falsch sieht, nämlich nicht wie sie sind, ist das ‘Ich’ und das ist, buddhistisch gesehen, lediglich eine Illusion.

Wie kommt es zu dieser Vorstellung, zu der Illusion eines selbständigen Ichs? Der kleine Mensch kommt auf die Welt und hat noch kein Ich, ist von der Welt, seiner Umgebung, seinen Eltern nicht getrennt. Er ist wie er ist und merkt bald, so kommt man nicht durch. Immer nur brüllen, wenn man Hunger hat, wenn einem irgend etwas nicht paßt, das geht nicht, das läßt sich auch die gutmütigste Mutter, der netteste und softeste Vater nicht gefallen. Das Kind entwickelt ein Ich, entdeckt die Welt und fällt damit aus der Einheit mit der Welt in die Trennung von der Welt, in die Dualität, in die Spaltung. Das Kind ist jetzt nicht mehr, wie es ist, sondern es lernt sich zu verhalten, um das, was es will, (Angenehmes) zu bekommen und das, was es nicht will (Unangenehmes), zu vermeiden. Es macht ein Bild von sich und hält dieses Bild, das ausschließlich aus Ansichten, Meinungen, Vorstellungen, Mustern usw. besteht, für sein ‘Ich’. Alles, was ihm an ihm selbst angenehm ist, ist ihm bewußt, das andere bleibt weitgehend unbewußt, das sind psychologisch gesehen seine Schatten. (Ein) ‘Ziel’ des spirituellen Weges ist es, diese Schatten, das Unbewußte zu erhellen und so wieder ganz, also heil, heilig zu werden.

Wie funktioniert das, dieses Erhellen der eigenen dunklen, unbewußten Anteile, der Weg zur Erleuchtung des Geistes? Verschiedene spirituelle Schulen haben dafür verschiedene Methoden angegeben. Die Methoden des Buddha sind Meditation und Achtsamkeit. Die Meditation ist die Übung der Einspitzigkeit, der Konzentration, der Innenschau, der Selbstbeobachtung. Die Achtsamkeit ist die Beobachtung nach Innen. Gewöhnlich schauen wir nach außen, auf die anderen, dort fällt uns dann auch auf, was die alles falsch machen. Wenn wir nach innen schauen, also auf uns selbst, fällt uns unangenehmer Weise nicht auf, was die anderen falsch machen, sondern was wir selbst falsch machen. Und das ist eine der Schwierigkeiten am spirituellen Weg, das macht ihn so schwer, das ist gemeint, wenn es heißt, der Weg zum Himmelreich führt durch die (eigene, persönliche) Hölle. Wir wollen es nicht sehen, wie wir sind. Dabei ist gerade das so heilsam. So wie wir sind, sind nämlich die anderen auch, so ist die ganze Welt. So kann ich diese kennenlernen, wenn ich mich kennenlerne. Erkenntnis, Innenschau und Achtsamkeit führen zu Welterkenntnis und das zu Liebe und Toleranz den anderen gegenüber, denn die anderen sind ja nicht anders als ich selbst.

Aber der Buddha hat auch gesagt, man soll nicht nur sich beobachten, sondern auch die anderen, ohne Vorurteile, ohne Bewertungen, auch dann wird man erkennen. Und der beste Andere, in dem man sich erkennen kann, ist der eigene Lebenspartner. Den hat man sich ja nicht zufällig gesucht. Der paßt wie ein Neurosenstecker in die Neurosenbuchse. Schon Arnold Schwarz, ein Wiener Psychiater und Schüler Sigmund Freuds nannte das den ‘Geheimbund der Neurotiker’. In einem abgedunkelten Raum mit verschlossenen Augen und Ohren finden die richtigen Partner zusammen. Sehr viel, das mir selbst in mir verborgen (unbewußt) ist, nicht nur Schlechtes (also Haßvolles, Unheilsames), auch sehr viel Gutes, Liebevolles ist im Partner, lebt dieser bewußt. Im anderen kann man erkennen, was einem selbst fehlt, was verborgen ist, im Guten und im Schlechten.

Und daher ist, buddhistisch gesehen, das das Wesen einer Partnerschaft: der andere ist Funktion für mich, mein zweitbestes Übungsobjekt. Das beste bin ich selber. Im anderen kann ich erkennen, was mir fehlt. Wenn ich es erkannt habe, kann ich es in mir entwickeln, ich werde so ‘ganzer’, runder, weniger gespalten, habe ja das Unbewußte, Abgespaltene bewußt gemacht, werde heil und ganz, am Ende heilig, erleuchtet, erwacht.

Der Andere war mir Hilfe dabei, aber nicht nur das. Weil ich in mir entwickeln konnte, was der Andere hatte, brauche ich ihn jetzt dafür nicht mehr. Dankbar für den gemeinsamen Weg, für das gegenseitige Erkennen, kann ich endlich den anderen lieben, wie er ist, werde aufhören ihn ändern zu wollen (so wie ich ihn haben will). Das macht mich unabhängiger von ihm, ich kann ihn lassen und werde gelassener. Abhängigkeit führt zu Destruktion, Haß und Zerstörung. Unabhängigkeit führt in die Freiheit, die körperliche, psychische und geistige Gesundheit.

Das zur Partnerschaft ganz allgemein, doch wie steht es mit der Sexualität im Buddhismus?

Sie ist, wie immer und alles, eine Übung. Aber sie ist nicht so, wie man sich das vorstellt. Wieso? Buddhismus ist ein Weg zum Glücklichsein. Glück im Buddhismus ist jedoch das Gegenteil von dem, was wir normalerweise darunter verstehen. Für die meisten von uns bedeutet Glück ein schöner Urlaub, mehr Geld, das Zusammensein mit einem lieben Menschen, angenehmer Sex.

Im Buddhismus ist Glück die Unabhängigkeit von alledem, das alles nicht zu brauchen. Das heißt nicht, daß man es nicht haben darf, es heißt lediglich, man soll sich nicht damit identifizieren, also nicht davon abhängig sein, nicht daran anhaften.

Um ohne Identifikation zu sein, gibt es eine Übung, die man im Buddhismus immer wieder übt, nämlich das Gegenteil der Gier zu entwickeln, also: großzügig zu sein. Nicht egoistisch zu handeln, sondern für den anderen da zu sein. Und das kann man auch im Bereich der Sexualität üben. Nicht tun, was ich möchte, sondern was der andere möchte. Dann entsteht etwas Neues. Eine ganz andere Sexualität entsteht und die Falle dabei ist lediglich, an dieser neuerlich anzuhaften. Denn das eigentliche Ziel ist ja die Unabhängigkeit, also Sexualität nicht mehr brauchen zu müssen.

Zum Schluß möchte ich noch etwas zur ‘unio mystica’, wie sie im tantrisch tibetischen Buddhismus dargestellt wird, sagen. Es ist das die Vereinigung der Gegensätze, der Pole, des Dunklen und Hellen, des Weiblichen und Männlichen, des Unbewußten und des Bewußten, bildhaft dargestellt in der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau, dem Bodhisattva und seiner Dakini.

Wenn ich nach innen schaue, dann zeigt sich das Unbewußte und das Mystische, das was ist, die Realität und so sind Mystik und Realität identisch. Also kann man auch sagen, in der ‘unio mystica’ vereinen sich die unbewußten Anteile von Mann und Frau, verschmelzen, werden ausgetauscht. Die unbewußten Anteile, die genau so zu ihrer Realität gehören wie die bewußten Anteile und das Besondere an der ‘unio mystica’ ist, daß sie durch die Vereinigung der beiden Anteile in einem der beiden (oder natürlich in beiden) zur Bewußtwerdung, zur Ganzwerdung führen.

Ob bei den tantrischen Darstellungen nur die geistige oder auch körperliche Vereinigung gemeint ist, kann ich insofern beantworten, als bei allen diesen Darstellungen im tibetischen Buddhismus immer das geistige Prinzip dargestellt wird. Etwas Geistiges wird bildlich dargestellt, was man so mit Worten nicht ausdrücken kann.

Ob nun Sexualität auch in der spirituellen Übung verwendet werden kann, ist eine andere Frage. Es gibt den Weg des Sutra, des Wissens und des Tantra, des Handelns. Am Weg des Handelns, handelt man nur äußerlich wie bisher, das Wesentliche dabei ist die nach innen gerichtete Achtsamkeit. Für den danebenstehenden Beobachter ist äußerlich kein Unterschied zu erkennen zwischen der üblichen und der tantrischen Handlung.

Solange Achtsamkeit nicht entwickelt wurde kann der tantrische Weg daher auch gefährlich sein.

Aus Ursache&Wirkung Nr. 5, S. 24, Sondernummer, April 1993,

 

 

 

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