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EINS – SEIN – Tantra als Heilsweg


Tantra wird in der westlichen Welt hauptsächlich mit erotischen Praktiken in Zusammenhang gebracht. Die tantrisch spirituelle Praxis allerdings will den Menschen zur Vollkommenheit erheben. Dazu ist ein langer Übungsweg notwendig, sowie Ausdauer und Disziplin.

Es haben sich sowohl in westlicher Psychotherapie als auch in den östlichen Weisheitslehren 2 prinzipielle Richtungen des (geistigen) Heilens herauskristallisiert. Jene, die ausschließlich den Geist, also das Denken, Sprechen, Visualisieren etc. verwenden („rechter oder rechtshändiger Weg“) und solche die den Körper, also das Handeln, Ausagieren, die Sexualität etc. in die Therapie, bzw. Übung mit einbeziehen („linker oder linkshändiger Weg“). Eine Mischform stellen jene Methoden dar, die zwar Körper und Geist trainieren, bei denen der Körper aber lediglich als Vehikel zur geistigen Übung dient, also Yoga, Atemübungen, autogenes Training etc. Stellt man diese 3 Begriffe in eine Reihe, ergibt sich an einem Ende die nach ‚innen gerichtete’ Meditation und am anderen Ende Tantra, in dem sämtliche Lebensbereiche, Probleme, Neurosen und Obsessionen in die Übung einbezogen werden. Dies aber nicht um sie auszuleben, sondern um sie zu überwinden. Die grundsätzliche Einbeziehung der negativen Emotionen, wie Zorn, Eifersucht, Begehren, also des so genannten „Bösen“ in die geistige Übung macht Tantra so ungewöhnlich und vom Establishment angreifbar. In unserer christlich geprägten, abendländischen Kultur, gab es nämlich fast ausschließlich den rechten, geistigen Weg der Meditation, des Gebetes, der Kontemplation und der geistigen Exerzitien. Ein Pendant zum (linken) Weg des Tantra, aber auch zum Yoga hat es kaum gegeben. Derartige Methoden sind erst in den letzten 50-100 Jahren in Form der Körper orientierten Therapie und Selbsterfahrung entstanden.

Tantra ist ein komplexer Begriff, der erst in den letzten Jahren breiteren Schichten bekannt geworden ist. Der Begriff hat viele Bedeutungen. Tantra bedeutet Gewebe, Netzwerk, also dass alles mit allem verbunden ist. Man kann zwischen einem hinduistischen, einem buddhistischen und einem westlichen Tantra unterscheiden. Obwohl sie gleiche Wurzeln haben, lässt sich das gemeinsame oft nur schwer erkennen. In allen Fällen handelt es sich um ungewöhnliche Lehren und Methoden jenseits des kulturellen und religiösen Mainstream.

  • Indisch-hinduistisches Tantra: 2 Schulen haben sich herausgebildet: 1. der gefahrvolle links-händige Weg, in dem vieles, was einem gläubigen Hindu verboten ist, praktiziert wird, vor allem der „Genuss“ der sogenannten „5 M“ (Fisch, Fleisch, Wein, mystischen Getreide (Haschisch) und sexuelle Vereinigung – alle diese Ausdrücke beginnen im Sanskrit mit einem M). 2. der gefahrlose rechts-händige Weg mit strenger Disziplin und absoluter Hingabe an das Göttliche.
  • Tibetisch buddhistisches Tantra: komplexer, stufenweiser Übungsweg, der sich mit seinen besonderen Methoden an unterschiedliche Menschentypen wendet. Es gibt mehrere Schulen und 4 Tantra-Klassen, die unterschiedliches Verhalten, unterschiedliche Meditationsformen und Ergebnisse haben. Alle zeichnet eine für westliche Verhältnisse ungewöhnliche sexuelle Symbolik aus. In ihrer Praxis sind sie eher dem indischen rechts-händigen Weg vergleichbar.
  • Westliches Tantra: größtenteils auf dem hinduistischen Tantra basierend, Einbeziehung westlicher Psychologie und Psychotherapie. Eher dem indischen links-händigen Weg vergleichbar, der Schwerpunkt der Praxis liegt im Bereich gelebter Sexualität, wobei hier besonders der energetische Aspekt der Sexualität im Vordergrund steht.

Alle traditionellen Tantras basieren auf komplexen, schwer verständlichen Übungen und Texten, die teilweise sogar in einer Geheimsprache verfasst worden sind. Es gab und gibt bis heute geheime Praxisformen. Dieses „Geheim-Sein“ bedeutet jedoch nicht, dass es nicht grundsätzlich jedem zur Verfügung stehen soll, sondern lediglich, dass sich der Schüler/die Schülerin schwierigen vorbereitenden Übungen zu unterziehen hat, ohne die der Inhalt und die Praxis nicht verstanden werden kann. Man könnte das mit einem speziellen Seminar über Quantenphysik vergleichen, das auch ohne jahrelange Vorkenntnis nicht verständlich ist. Alle Tantras haben als gemeinsames Ziel die Weiterentwicklung, sei es traditionell zu einem „Erleuchteten Wesen“ oder modern-westlich ausgedrückt zu einem „Reifen Menschen“.

Sexuelle Energien in der spirituellen Praxis

Am Kongress wird am Nachmittag des „Indischen Tages“ auch eine spezielle Passage aus dem Kalachakra-Ritual des Dalai Lama 2002 in Graz vorgeführt.

Das ungewöhnliche an dieser öffentlichen Belehrung des Dalai Lama ist die Tatsache, dass hier einer der bedeutendsten religiöse Führer unserer Zeit öffentlich vor 10.000 Menschen über bestimmte Übungsformen meditativer Praxis in sexueller Vereinigung spricht.

Entsprechend den Worten des Dalai Lama handelt sich dabei um ganz tiefgründige Aspekte des Tantra. Besonders subtile Geisteszustände werden hervorgerufen, die zum Erkennen der endgültigen Realität geeignet sind. Ziel des Tantra ist es, dieses subtile Bewusstsein willentlich durch Übungen herzustellen.

Der Dalai Lama betont dabei immer wieder, dass diese Formen der Übung nicht mit gewöhnlicher Sexualität zu verwechseln sind. Es handelt sich dabei um sehr heikle Themen und ganz bestimmte Voraussetzungen sind nötig. Sinngemäß sagte er: “Grobe Bewusstseinsebenen, frei von begrifflichen Strukturen, müssen überwunden werden. Da dies unter bestimmten Voraussetzungen in der sexuellen Vereinigung möglich ist, kann man diese dafür nutzen.“

Die Kernaussage des Dalai Lama ist, dass man letzte Erkenntnisse, Erleuchtung, Weisheit, Liebe, Verbindung mit dem Göttlichen oder wie immer man das ausdrücken möchte mit unserem groben Tagesbewusstsein nicht erlangen kann. Der Geist muss ruhiger, feiner und subtiler werden um überhaupt tiefere Zusammenhänge erkennen zu können.

Man kann dieses ‚subtile Bewusstsein’ mit einer kleinen Pan-Flöte vergleichen, die im geschäftigen Treiben eines Bahnhof gespielt wird. Im enormen Lärm kann man die Flöte nicht hören. Wenn der Zugverkehr zum Erliegen kommt und sich die Menschenmassen verlieren, wird man den feinen Ton vernehmen können. Die Züge und durcheinander redenden Menschen kann man mit unseren Tätigkeiten und Gedanken vergleichen. Kommen sie zum Erliegen wird das Bewusstsein feiner.

Für dieses Ruhiger-Werden gibt es zahlreiche Methoden, z.B. jene der Meditation im Sitzen und eine besondere Vielfalt im Tantra. Die vom Dalai Lama beschriebene Methode beruht auf dem Umstand, dass es – physiologisch angelegt – in uns Momente gibt, in denen das grobe (begriffliche) Bewusstsein reduziert ist, in denen wir weniger denken. Es sind das z.B. Augenblicke des Gähnens, des Tiefschlafes oder im Orgasmus. Letztere lassen sich mit ganz bestimmten Methoden ausdehnen und üben. Dabei dürfte es aber nur ganz wenigen Menschen möglich sein, das in einer realen körperlichen Vereinigung üben zu können. Viel häufiger geschieht das, indem man sich die Vereinigung lediglich vorstellt, sie visualisiert. In beiden Fällen ist die Übung nicht leicht und braucht Jahre unter der Anleitung eines geeigneten Lehrers.

 

Artikel von Peter Riedl in Ursache&Wirkung Heft Nr. 52, 2/2005

 

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